Der magische Schnuller

Der magische Schnuller

Der magische Schnuller

Welcher Schnuller ist der Richtige? Kirschförmig? Symmetrisch? Abgeschrägt? Fördert er wirklich die Zahn- und Kieferentwicklung? Muss jedes Kind einen Schnuller haben? Was ist, wenn es keinen Schnuller nehmen möchte und wie kann der Schnuller wieder abgewöhnt werden?


Wir sind Kiki, Lisa & Catja, drei Therapeutinnen mit einer Mission: Wir möchten, dass ihr Eltern euch mit dem Thema Schnuller auseinandersetzt und den gewissenhaften Einsatz und Gebrauch hinterfragen könnt. So könnt ihr für euch als Familie individuell entscheiden, ob, wann und wie lange ein Schnuller eingesetzt werden soll.

All diesen Fragen gehen wir auf den Grund! Dazu haben wir ein Video aufgenommen, in dem wir eure Fragen beantwortet und auch Bilder und Videos gezeigt haben. Dieser Blogbeitrag greift nochmal ein paar Punkte davon auf.


Wie entwickelt sich der Kiefer?

Der Säugling (und der Name sagt es ja schon) kommt mit einem aktiven Saug-Schluck-Reflex auf die Welt, d.h. werden die Lippen berührt, beginnt das Kind reflektorisch zu saugen. Dieser frühkindliche Reflex ist bereits im Mutterleib und bis zum 3. – 4. Lebensmonat aktiv. Danach saugt das Kind willkürlich (= absichtsvoll). Der Reflex stellt das Überleben des Kindes direkt nach der Geburt sicher.

Die Zunge füllt den noch kleinen Mundraum fast komplett aus. Ein Hohlraum entsteht erst bei größeren Kindern. So kann der Säugling am effektivsten die Milch aus der Brustwarze saugen. Durch das Saugen an der Brust formt sich der Kiefer. Der Gaumen ist anfangs noch spitz geformt und wird durch das Ansaugen der Zunge breiter geformt. Also nicht der Schnuller, sondern die Zunge formt den Gaumen! Das wiederum ist nötig, damit später alle Zähne Platz haben und nicht hintereinander oder krumm und schief wachsen.

Auch der Unterkiefer wird durch das Stillen beeinflusst: ein Neugeborenes kommt mit einem sogenannten „Neugeborenen-Rückbiss“ auf die Welt. Das bedeutet, dass es einen Unterbiss hat (wenn auch noch ohne Zähne). Der soll verhindern, dass das Baby mit dem Kinn im Geburtskanal hängen bleibt. Mit dem monatelagen Saugen an der Brust verändert sich die Position des Unterkiefers zum Oberkiefer und die Zähne können ihren Platz im Kiefern finden.

Wer sich für den Kiefer besonders interessiert und sich die Größenverhältnisse des Kiefers anschauen möchte, empfehlen wir folgendes Buch: Kieferorthopädie I (Peter Dietrich)

Braucht jedes Kind einen Schnuller? Was ist, wenn es keinen nehmen möchte?

Grundsätzlich kann man sagen, dass ein voll gestilltes Kind keinen Schnuller braucht. Der Schnuller ersetzt auch nicht das Stillen und muss dementsprechend nicht „brustähnlich“ geformt sein. Allerdings gibt es Gründe, warum Eltern zu einem Schnuller greifen.

Das Saugen beruhigt das Kind und nicht immer kann die Brust sofort zur Verfügung stehen oder ist schon wund. Dann kann ein Schnuller definitiv eine Hilfe sein. Manche Kinder greifen auch zum Daumen. Babys eignen sich Strategien zur Regulierung an- hin und wieder benötigen sie von außen Hilfe.

Wichtig ist hierbei, dass der Schnuller immer mit Bedacht eingesetzt werden soll! Quasi wie ein Medikament: erst, wenn nichts anderes mehr hilft (das Kind also keinen Hunger mehr hat und sich auch nicht anders beruhigen lässt), kann der Schnuller eingesetzt werden. Und dann soll die „Medizin“ ja auch nicht endlos gegeben werden! Wenn ein Kind keinen Schnuller nehmen möchte, ist das in Ordnung! Er ist lediglich ein HILFSMITTEL und sollte bitte nicht aufgezwungen werden.

Leider versucht die Werbung uns glauben zu lassen, dass ein Schnuller zwingend nötig sei und wir uns in unserer Gesellschaft bereits an das Bild „Kind mit Schnuller“ gewöhnt haben. Manche Mamis haben den Schnuller schon vor der Geburt – wir raten euch: lasst das Kind erst einmal auf der Welt ankommen und schaut, was euer Kind braucht. (Ein weiterer Blogartikel zu Regulierungsstrategien der Kinder folgt!)

Wie ist es mit Schnullerketten?

Wir empfehlen, KEINE SCHNULLERKETTEN zu verwenden. Denn diese bewirken, dass der Schnuller immer sichtbar für das Kind ist und eine schwere Schnullerkette gibt Zug auf den Schnuller und somit auch auf die Lippen, Zähne und den gesamten Mund.

Lies gerne weiter in unserem Blogartikel über Schnullerketten.

 

Welcher Schnuller ist der Richtige?

Für alle Eltern, die sich aus ihren individuellen Gründen FÜR einen Schnuller entschieden haben, möchten wir euch hier die Kaufentscheidung, bei der mittlerweile riesigen Auswahl an Schnullern etwas vereinfachen. Hervorgehend aus einem super guten Fachartikel von M. Furtenbach (2013) haben wir euch eine kleine Liste erstellt, worauf ihr beim Kauf achten könnt:

Der Schaft des Schnullers sollte möglichst schmal und weich sein, um viel Lippenkontakt zu ermöglichen. Wenn der Schnuller noch benutzt wird, wenn bereits die ersten Zähne da sind, hat die Größe des Schafts maßgeblichen Einfluss auf den Biss der Schneidezähne. Je schmaler dieser ist, umso geringer kann der lutschoffene Biss ausfallen (verhindert ihn aber nicht!).

 

Das Lippenschild sollte flexibel und gerade sein, um möglichst wenig Hautkontakt zu haben und beim Saugen wenig Druck von außen auf die Kiefer zu erzeugen.

 

Das Saugteil sollte klein, weich und abgeschrägt sein. Wie schon erwähnt hat die Zunge im Mund nur wenig Platz. Ein Schnuller im Mund ist immer ein Störfaktor. Die Zunge kann (egal, wie klein der Schnuller auch sein mag) nie ihre korrekte Position einnehmen: die Zungenspitze befindet sich in Ruhe am Hubbel hinter den oberen Schneidezähnen. Wenn das Kind den Schnuller im Mund immer herumdreht, kann ein symmetrischer Sauger verwendet werden. Vorsicht: sollte euer Kind den gesamten Schnuller in den Mund nehmen, kann er verschluckt werden - dann lieber einen etwas größeren Schnuller kaufen.

Gibt es einen ultimativen Tipp?

Klar werden wir immer auch nach einem konkreten Tipp gefragt. Allerdings halten wir uns mit der Nicht-Empfehlung einer Marke an den WHO-Kodex.

Ob Latex oder Silikon - das ist reine Geschmackssache und euch überlassen. =) Das Saugteil sollte lediglich weich sein!

Wenn wir euch einen Tipp mit auf den Weg geben können, dann dieser: Geht in einen Laden, schaut euch die Schnuller an und filtert schonmal nach den kleinsten Schnullern (0-6 Mon.). Bestenfalls treffen auch die anderen Kriterien zu, doch leider kann man oft nicht durch die Verpackung fühlen, ob das Saugteil weich ist oder nicht. Am besten kauft ihr zwei Packungen und fühlt zu Hause. Nehmt sie in den Mund und spürt mal, wie sich die Schnuller anfühlen.

Wir haben uns zum Ausprobieren schon einige verschiedene Schnuller gekauft, diese auch selbst im Mund ausprobiert und selbst schnell gemerkt, welcher Schnuller weich genug ist.

Wichtig ist auch zu erwähnen, dass wenn sich für einen Schnuller entschieden wird, der Zeitpunkt kommen wird, an dem der Schnuller auch abgewöhnt werden muss. Denn der Schnuller ist ein kurzer Begleiter, der mit Bedacht eingesetzt werden sollte. Doch irgendwann ist Schluss. In unserem Schnuller-Guide steht alles Wichtige drin.

 

Was ist mit den großen Kirschsaugern, die halb so groß wie das Babygesicht sind?

Diese Sauger haben in der Mitte ein großes Loch und ein großes weiches Schild. Uns ist aufgefallen, dass diese Sauger vermehrt den frisch gewordenen Eltern bereits in den Kliniken mitgegeben werden. Bei Frühchen können Schnuller therapeutisch eingesetzt werden, da das Saugen die Verdauung anregt, allerdings ist es für uns fragwürdig, dass in ganz Deutschland dieser eine Schnuller empfohlen wird, obwohl es ersichtlich ist, dass das Saugteil viel zu groß und zu fest für Säuglinge, erst Recht für Frühchen, ist. Wenn ihr ein Baby beim Saugen damit beobachtet, könnt ihr beobachten, dass das Loch in der Mitte nicht enger wird, was bedeutet, dass das Baby das Saugteil gar nicht so flach drücken kann, wie es beim Stillen mit der Brustwarze der Fall wäre. Mit „brustähnlich“ hat das absolut nichts zu tun!

Welche Versprechungen auf den Schnuller-Verpackungen stimmen?

Sätze wie „von Experten empfohlen“, „brustähnlich“ oder „kiefergerecht“ findet ihr auf fast allen Packungen. Von Experten wurden sie wahrscheinlich empfohlen, die Frage ist nur, von welchen und mit welchem Hintergrundwissen? Wir sind bei den Bezeichnungen sehr skeptisch und finden es nicht in Ordnung, dass Marketingslogan wie „brustähnlich“ die Eltern zum Kauf animieren, obwohl es fachlich oft nicht stimmt. Rein äußerlich sehen wohl die neuen, modischen Schnuller ansatzweise wie eine Brustwarze aus (rund), doch es geht hier wie immer nicht um das Aussehen, sondern um die FUNKTION! Das Saugen hat dabei recht wenig mit dem Saugen an der Brust gemeinsam.

Auch „kiefergerecht“ ist fast schon eine Unverschämtheit, denn kiefergerecht, und da stimmen uns auch Kieferorthopäden*innen und Zahnärzte*innen zu, wäre es, wenn der Mund geschlossen ist und die Zunge den Mundraum ausfüllt – ohne einen Fremdkörper!

 

Wir möchten und werden den Schnuller nicht verteufeln, aber möchten euch klar machen, dass er ein Hilfsmittel ist, manchmal auch ein „Lebensretter“, er aber bewusst und mit Wissen ausgewählt und eingesetzt werden sollte!

Das häufige, sehr lange Verwenden (länger als 3. LJ.) oder gar Sprechen und Essen mit einem Schnuller kann Zahnfehlstellungen, Kieferverformungen, Artikulationsstörungen, Kaustörungen,  Muskelfunktionsstörungen, Aneignen eines falschen Schluckmusters und Probleme mit der korrekten Lage der Zunge begünstigen.

 

Catja, Kiki + Lisa